Anima. Der Roman
Kim Kestner
Leseprobe
Video
Teste dich

hotu
Um kurz vor neun waren wir bei der Waldkapelle. Mein Vater begrüßte die meisten Besucher mit Namen. Nur wenige neue Gesichter waren unter den Gästen. Der Rest unserer Familie stand etwas abseits und wartete darauf, dass wir die Flügeltür schließen konnten, sobald sich der letzte Gläubige gesetzt hatte.

Ich konnte nicht anders, als immer wieder zu Virginia zu schielen. Nie hatte ich sie so … so sittsam, mir fiel kein passenderes Wort ein, gesehen. Sie trug einen knielangen schwarzen Rock, den sie normalerweise mit einem halb durchsichtigen Oberteil kombinierte, jetzt zu einer weißen Bluse mit Lochspitze, die ich bislang nur zusammen mit Hotpants an ihr gesehen hatte. Vor allem aber trug sie kein Make-up. Ihre langen Haare fielen ihr in Wellen über die Schultern. Sie wirkte wie die Unschuld in Person. Ich kaufte ihr nichts davon ab. Mit Sicherheit wollte sie nur Dad milder stimmen, das war alles. Ich warf einen Blick auf die Armbanduhr. Eine Minute nach neun. Die letzten Besucher gingen in die Kapelle, mein Vater zog seine Stola zurecht und nickte uns zu. Virginia setzte sich in die letzte Reihe und Mom ging zur Orgel. Sie versuchte sich an vielen Instrumenten, beherrschte jedoch keines davon wirklich.
hotu
Gerade als ich die schwere Tür zuziehen wollte, sah ich ihn wieder. Er stand an eine Tanne gelehnt und blickte mit einem unwiderstehlichen Lächeln in meine Richtung. >> weiterlesen